Vaterschaftsurlaub -> Elternzeit!

Es ging lange in der Schweiz bis wir eine einigermassen anständige Mutterschaftsversicherung eingeführt haben. Viel zu lange. Und unser Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen ist nicht gerade eine familienpolitische Offensive, sondern eher ein minimalistischer Beitrag an die Gesundheit der Mütter und der Babys. Echte Familienpolitik sieht anders aus.

Und nun sprechen wir also darüber, ob es auch einen Vaterschaftsurlaub braucht. Endlich. Und ja, es braucht ihn – und wie! Für die Väter, für die Mütter, für die Kinder und für unsere Gesellschaft. Er ist längst überfällig – das zeigen auch all jene Arbeitgeberinnen, die ihren Arbeitnehmenden bereits heute einen Vaterschaftsurlaub zugestehen. Freilich sind die von der Initiative geforderten vier Wochen und die im Gegenentwurf davon übrig geblieben zwei Wochen, viel zu wenig. So wie auch die Diskussion über Mutterschaftsurlaub und Vatershaftsurlaub bereits überholt ist.

«Was Familien brauchen ist Elternzeit. Was Eltern brauchen ist Elternzeit. Was Kinder brauchen ist Elternzeit. Was die Gleichstellung voranbringt ist Elternzeit.»

Aber reden wir über Vaterschaftsurlaub. Halten wir uns den unglaublichen Missstand vor Augen, dass Väter heute per Gesetz nur gerade Anspruch auf einen einzigen freien Tag haben, wenn sie ein Kind bekommen. Einen einzigen Tag. Und das obwohl in der Regel bereits die Geburt eines Kindes länger dauert. Der Start ins Familienleben ist heute gleichbedeutend mit einem Umzug: Für beides gibt es einen Tag frei. Während die Organisation des Umzugsservices auf ein bestimmtes Datum fixiert werden kann, halten sich Kinder nur selten an ihren errechneten Geburtstermin. Und so kann es sogar bei guter Organisation geschehen, dass die Ferien, welche man als Mann extra für den Vaterschaftsurlaub reserviert hat, verstreichen während das Kind auf sich warten lässt. Soviel zum Thema, es brauche den Vaterschaftsurlaub nicht, denn man könne dafür ja Ferien nehmen. Das kann man nur bedingt und sowieso hat der Start ins Familienleben überhaupt nichts mit Ferien zu tun.

Kommen wir zum zweiten Märchen. Es brauche den Vaterschaftsurlaub nicht, denn die Mutter sei ja da und habe Mutterschaftsurlaub. Alles was das Kind kurz nach der Geburt brauche, könne die Mutter soweiso besser.

Es ist richtig, dass Väter zwar tatsächlich schlecht stillen können und des Gebärens bisher unfähig geblieben sind, aber sonst können Väter doch so einiges.

– Väter können ihr Kind baden,

– die Nabelschnur pflegen,

– frische Windeln umbinden und alte entsorgen,

– Kleider aus- und anziehen,

– den Schoppen wärmen,

– den Schoppen geben,

– die Milchgörpsli weg- und aufwischen,

– den Kinderwagen herumfahren,

– das Kind herumtragen, wenn es Magenkrämpfe hat,

– das Kind herumtragen, wenn es weint,

– das Kind herumtragen, wenn es nicht schlafen kann,

– das Kind herumtragen, wenn es schläft.


Selbstverständlich ist die Reihenfolge dabei frei und nicht abschliessend und wird in der Regel öfters wiederholt in nicht vorhersehbarer Abfolge.

Vor diesem Hintergrund sollte längst unbestritten sein, dass es den Vater genauso braucht wie die Mutter. Ja mehr noch: der Vaterschaftsurlaub ist eine Chance für die ganze Familie und der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung und eine grosse Entlastung für Mütter. Eine freiere Rollenverteilung bedeutet unabhängig von unserem Geschlecht die gleichen Freiheiten und Chancen zu haben, auch als Eltern. Ein anständiger Vaterschaftsurlaub ist unentbehrlich für mehr Gleichstellung und eine faire Aufgabenteilung innerhalb der Familie. Auch wenn der Name für gleichgeschlechtliche Frauenpaare wohl etwas fragwürdig ist.

Kommen wir zum letzten Märchen: Die Wirtschaft kann sich das nicht leisten. So lange es sich die Wirtschaft leisten kann Männer, und hin und wieder auch Frauen, jährlich für den Militärdienst zu entbehren, ist sie mit Sicherheit auch fähig, Väter zu entbehren, damit diese sich um unsere Kinder kümmern können und sich als Familie organisieren lernen. Denn während die Nachhaltigkeit im ersten Falle nicht unbestritten ist, so ist der nachhaltige Nutzen im zweiten Fall garantiert. Kinder sind die Zukunft unseres Landes – auch unserer Wirtschaft.

Irène Kälin